Johann Hinrich Wichern
Eine Arbeitshilfe zum Gedenkjahr 2008
Martin Degen / Roland Degen
Ge-Denkjahr 2008
Personenbezogene Gedenkjahre sind tückisch, weil das erinnernde Gedenken dabei nicht inhaltlichen Dringlichkeiten, sondern dem kalendarischen Zufall von Geburts- und Sterbe-Terminen folgt. Hierbei entsteht die Gefahr, eine historische Person auf gleichsam hohen (Heiligkeits-) Sockel zu erheben, sie als Verehrungs-Event unkritisch „abzufeiern“, um bald danach folgenlos zum nächsten Gedenk-Event aufzurufen. Doch derartige Jahrestage können auch positiv interpretiert werden: Da die Daten historischer Personen unserer Willkür entzogen sind, erinnern sie gewollt oder ungewollt an Themen, Inhalte und Lebensleistungen, die ohne das „Ausrufezeichen“ von Jahrestagen möglicherweise kaum beachtet würden. Der Kalender ruft in Erinnerung. Er wehrt unseren Vergesslichkeiten und richtet sich nicht nach unseren Vorlieben und Moden. Er schafft Anlässe, um im Kontrast der Zeiten Inhaltliches zu vergegenwärtigen und Auseinandersetzung zu ermöglichen.

2008 jährt sich zum 200. Mal der Geburtstag von zwei geistesverwandten Pionieren evangelischer Missions- und Sozialarbeit, des fränkischen Pastors Wilhelm Löhe (1808-1872) in Neuendettelsau und des in Hamburg und Berlin wirkenden Theologen, Organisators und Sozialpädagogen Johann Hinrich Wichern (1808-1881). Nachstehend wird ausschließlich das Lebenswerk des Letzteren skizziert und mit knappen didaktischen Impulsen und Ansätzen für Jugendliche einer anderen Zeit zu erschließen versucht.
Johann Hinrich Wichern und sein Werk
Das Lebenswerk Wicherns, seine Leidenschaft um Rettung derer, die im rasanten Wandel von der Agrar- zur städtischen Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert unter die Räder zu kommen drohten, ist von ihm selbst als fundamentale Kirchenreform und Antwort in einer Orientierungskrise kirchlichen Christentums in Deutschland verstanden worden. Seine Reform-Intention „innere Mission“ war umfassend gemeint und bezog sich nicht lediglich auf die Gründung eines Jugend-Rettungshauses und eines diakonischen Vereins. Er fragte grundsätzlich: „Welche Aufgaben hat die Kirche mit ihrer Verkündigung und mit ihrem Tatzeugnis der Liebe ? ... Die eigene Gegenwart einer sich säkularisierenden Gesellschaft als Herausforderung an christlichen Glauben und christliches Handeln begriffen zu haben, durchzieht als Leitmotiv das Leben dieses Mannes“ gegen kirchliche Erstarrungen und Schläfrigkeiten vielerorts. Bei allem Unterschied der Epochen eine uns Heutigen zentrale Frage-Konstellation!
Wicherns folgenreiches Lebenswerk entstand nicht auf Grund theologischer Stubengelehrsamkeit. Vielmehr erwuchsen seine Impulse aus persönlichen Armuts- und Noterfahrungen und Begegnungen in den Elendsvierteln seiner Heimatstadt Hamburg, die ihn lebenslang motivierten. Sein öffentliches Auftreten auch in höchsten Kirchen- und Staatsämtern später war vermutlich deshalb so überzeugend, weil die Zuhörer spürten, dass hier einer nicht bloßes Buchwissen weitergab, sondern auf Grund von Erfahrungswissen und eigener Betroffenheit redete.
Am 21.4.1808 in kleinbürgerlichen Verhältnissen Hamburgs geboren, musste er nach dem frühen Tod des Vaters den Besuch des Gymnasiums abbrechen, um als Ältester von sieben Kindern mit der Mutter das Überleben der verarmten Familie zu sichern. Er erteilte Klavierunterricht und wurde Erziehungsgehilfe in einer christlichen Erziehungsanstalt. Sein späterer Lebensweg zeichnete sich hier bereits ab, wobei ihn einflussreiche Männer und Frauen der Hamburger Erweckungsbewegung unterstützten. Spenden u.a. der Familie Sieveking ermöglichten ihm 1828 das Theologiestudium in Göttingen und Berlin. Dabei beeindruckten ihn besonders jene Professoren, die seiner Hamburger Frömmigkeitsprägung entsprachen. Wichtig wurde in dieser Zeit für ihn die Begegnung mit dem Führer der Berliner Erweckung Baron von Kottwitz und dessen „Armenbeschäftigungsanstalt“. Beobachtungen in der sozialen Unterschicht Berlins setzte er nach der Hamburg-Rückkehr 1831 in den Hafen- und Elendsvierteln der Hansestadt fort, wo er da sich eine sofortige Übernahme in den Pfarrdienst nach dem Theologie-Examen nicht ergab als Oberlehrer der Sonntagsschule und intensivem Besuchsdienst ein ungeschminktes Bild von Verwahrlosung und Verfall von Moral, Familie und traditioneller Kirchlichkeit erhielt.
1833 bezog er mit seiner Mutter eine ramponierte Bauernhütte in Horn bei Hamburg, dem „Rauhen Haus“, das zur Rettungsstation oft krimineller Kinder des Großstadt-Pauperismus wurde, ständig der Erweiterung bedurfte (1870 erfolgte die 1000. Aufnahme) und Erzieherausbildungen nach sich zog. Vorsteher des „Rauhen Hauses“ blieb Wichern auch, als ihn zunehmend neue Aufgaben zuwuchsen und ihn nach seiner Heirat 1835 mit Amanda Böhme (1810-1888) diese als Hausmutter die umfangreich werdende Reisetätigkeit ermöglichte. „Er wird nicht müde zu betonen, daß das Rauhe Haus kein Straf- oder Zuchthaus ist ..., sondern ´von allem diesen das gerade Gegenteil´, nämlich ein Werk der freien christlichen Liebe.“ Anregungen von Johannes Falk in Weimar und August Hermann Francke in Halle aufnehmend, realisierte er hierbei familienähnliche Gemeinschaftsformen mit vom Kirchenjahr geprägten Tages- und Feier-Rhythmen. “Sein Konzept der ´Erziehung durch Arbeit´ hat die Grundlagen für eine moderne Arbeits- und Sozialpädagogik gelegt.“
Als Höhepunkt und Durchbruch seines Wirkens empfand Wichern selbst die begeisterte Zustimmung der Delegierten des Wittenberger Kirchentags im Revolutionsjahr 1848 auf seine fünfviertelstündige Stegreifrede zur soziale Aufgabe der Kirche, die schließlich unter dem Leitwort „innere Mission“ rasche öffentliche Akzeptanz erfuhr. Im selben Jahr forderten Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ eine revolutionäre Lösung jener gesellschaftlichen Problematik, die auch Wicherns Problematik war, wobei dieser jedoch allem Revolutionären eine entschiedene Absage erteilte, da dieses seinem Ordnungsverständis von Staat und Gesellschaft widersprach. Wicherns christlicher Sozialismus der Liebe wurde zum Gegenbegriff der Marxschen Klassenkampf-Intention eine bis in die Gegenwart reichende Differenz-Wirkungsgeschichte von historischer Bedeutung.
Die öffentliche Akzeptanz von Wicherns Wittenberger Rede (1848) und seine ähnlich aufgenommene „Denkschrift“ (1849), die „innere Mission“ als Kirchenreform und universales Sozialprogramm zu verstehen, hatte jedoch eine Kehrseite: Die politischen Führungsmächte „haben mit dem ihnen eigenen Gespür für Macht ... erkannt, daß die politischen und religiösen Intentionen Wicherns und seiner Denkschrift ihren Interessen entsprachen. ... Und es ist kein Zufall, daß der preußische Staat und sein König die Sozialarbeit der Inneren Mission als Bestandteil ihres antiliberalen, antidemokratischen und antisozialistischen Abwehrkampfes betrachtet haben.“ So wundert es nicht, dass dieser „Herold der Inneren Mission“ (Volkmar Herntrich) 1857 in den preußischen Staatsdienst als Oberkonsistorialrat und „Vortragender Rat“ ins Innenministerium berufen wurde.
Diese neben der bleibenden Verantwortung für das Hamburger „Rauhe Haus“ neue Aufgabe in Berlin bedeutete freilich auch, dass er in dieser Position breitenwirksamer als bisher dringliche Probleme der Gefängnisreform, der gesellschaftlichen Randgruppen, der Organisation von Hungerhilfe und Ausbildung für caritative Sozialarbeit angehen konnte. Das von ihm 1858 gegründete Johannesstift in Berlin-Spandau sollte diesen Intentionen dienen. Ein kaum zu bändigender Arbeitseifer und Beiträge in Schrift und Rede zu nahezu allen sozialen Fragen der Zeit zeichneten ihn aus, was allerdings nicht verhindern konnte, dass die Zeitumstände und politischen Klimawechsel in Preußen seine Wirkungen zunehmend bremsten. Vieles blieb bloße Absicht. Zur erstarkenden Sozialdemokratie und organisierten, weithin antikirchlichen Arbeiterbewegung fand er keine Brücken.
Obwohl Krankheit die Arbeitskraft Wicherns zunehmend reduzierte, übernahm er 1871 wieder die volle Verantwortung für das „Rauhe Haus“. Um 1874 erlitt er mehrere Schlaganfälle und sah sich dadurch genötigt, den Staatsdienst zu verlassen. Nach langem, schwerem Leiden starb dieser Pionier der organisierten Liebe Christi mit 73 Jahren am 7. 4. 1881 in Hamburg.
Originalton Wichern Zitate als didaktischer Impuls
Vorschläge für unterrichtliche Ansätze und Intentionen
Besonders in den Zitaten 1/4/5/6 nennt Wichern, was der damaligen Christenheit fehlte. Wie würde er vermutlich seine Kritik heute formulieren? Für welches Wunsch-/Leitbild von Kirche/Gemeinde würden wir uns einsetzen?
Unter der Voraussetzung der Zitate 1/5 „muß die Kirche zu den Leuten kommen“ (Zitat 6). Wie wird Wichern das gemeint haben? Wie könnte dies heute aussehen?
Die Zitate 2/3 lassen fragen: Aus welchen Situationen stammten die Jugendlichen, die Wichern ins „Rauhe Haus“ aufnahm? Not und Verelendung zeigen sich heute bei uns meist anders, aber wie?
Heutige Not weltweit lässt sich an Fotos und Schlagzeilen (Bildcollage erstellen) verdeutlichen. Wir überlegen die Ursachen solcher Not. Was ist dabei von Menschen verursacht? Wieso fordern Leiden und Ungerechtigkeit die Christen heraus (Zitate 4/7)? Biblische Bezüge: Amos 8,4 ff; Mt. 5,1 ff; 25,35 ff; Lk. 10,25 ff u.a.
Beim Vorlesen einiger Zitate wächst das Interesse an der Person des Verfassers: Exemplarische Situationen aus Wicherns Wirken erzählen (etwa „Rauhes Haus“ 1833, Wittenberger Rede 1848); ggflls. Hörszene für Gemeinde- oder Schulveranstaltung erstellen.
Not braucht mehr als Nahrung und Obdach, was Zitat 2 eindrücklich zeigt. Weshalb vermutlich „wusste der Junge sich kaum zu fassen“? Wo finden wir ähnliche Zeichen von Annahme in unserer Zeit und wo wären sie nötig?
Welche wichernähnliche Personen/Aktionen entdecken wir in der Geschichte (Martin v. Tours, Nikolaus v. Myra, Elisabeth v. Thüringen, Bodelschwingh, Schweitzer, Tutu u.a.)? Oft erinnern Briefmarken und Straßen („Wichernstr.“) an sie. Erkundungsaufgabe, ggflls. auch dazu, was Bewohner solcher Straßen über Namensgeber wissen.
Wir erkunden die Wirkungen Wicherns in der Gegenwart. Besuch einer diakonischen Einrichtung/Interview. Was ist hier anders als in einer säkularen Sozialstation? In der Kirchgemeinde wäre zu erkunden, wie in ihr das Anliegen Wicherns konkret wird oder defizitär bleibt (Übersehene, Einsame, Fremde). Wie und wo kann unsere Grupppe diakonisch aktiv werden (Zitate 4/6/7)?
Die Zitate 2/3 weisen auf die Bedeutung von Riten und Zeichenhandlungen hin. Solche Rituale sind in Schwellensituationen des Lebens und im (Kirchen-) Jahreskreis von Bedeutung. Sie vergewissern, stiften Gemeinschaft und machen tragende Inhalte erfahrbar. Wir suchen Beispiele hierfür (Geburt/Taufe, Konfirmation, Hochzeit, Abschiede, Feste) und erläutern sie.
Wichern gilt als Erfinder einer Vorform des Adventskranzes („Rauhes Haus“ 1839): 24 Kerzen auf einem Holzreifen symbolisierten im Advent die tägliche biblische Losung für das Tagewerk der Jugendlichen. Gestaltungsimpuls, z.B. für einen adventlichen Familiengottesdienst; ggflls. Anspiel: Ein Jugendlicher aus dem „Rauhen Haus“ (oder Wichern selbst) berichten vom Hamburger „Lichterreifen“ und seinem Sinn.
Martin Degen, Gemeindepädagoge in Radebeul (Friedenskirche)
Dr. h.c. Roland Degen, Pfarrer i.R. (Dresden), zuletzt Comenius-Institut Münster/Berlin