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Entdecken Sie die PRAXIS GEMEINDEPÄDAGOGIK, Zeitschrift für evangelische Bildungsarbeit

Liebe Leserinnen und Leser,  

„Was tun Sie“, wurde Herr K. gefragt, „wenn Sie einen Menschen lieben?“ „Ich mache einen Entwurf von ihm“, sagte Herr K., „und sorge, dass er ihm ähnlich wird.“ „Wer? Der Entwurf?“ „Nein“, sagte Herr K., „der Mensch.“ (Bertolt Brecht)

Sicher, einen Nachbarn muss ich nicht lieben. Und trotzdem fiel mir diese Geschichte ein, als ich unser Heftthema dieser Ausgabe für mich meditierte: Wie oft mache ich mir Bilder von den Menschen, mit denen ich lebe, meinen Alltag teile, und wie oft treffen sie wirklich zu? Bilder vom idealen Nachbarn zumindest habe ich deutlich in mir. Und nur selten finden sie haargenau so Entsprechung in der Wirklichkeit. Stattdessen kommen Frust und Enttäuschung auf, wenn es nicht so klappt „mit den lieben Nachbarn“ – und die Geschichte vom Hammer von Paul Watzlawick ist nicht nur Fiktion. Ich bin in meinem Leben bisher 13 Mal umgezogen, was Nachbarn Gutes und was sie Schlechtes bewirken können, davon kann ich einiges erzählen, was tiefer geht als skurrile Geschichten oder humorige Begebenheiten. Auf dem Land wie in der Stadt ist sie prägend, die Nachbarschaft, oft mit direktem Kontakt oder nicht, ob mit Freude und unterstützend gelebt oder als alltäglicher Grund für Ärgernis und Fremdheitsgefühle. Nachbar ist jede und jeder, aus dieser Rolle komme ich kaum raus.

Mit dem Blick des Christen ist der Sprung vom Nachbarn zur Liebe dann doch gar nicht mehr so weit. Nicht jeder Nächste muss der Nachbar sein, nicht jeder Nachbar ist der Nächste – und dennoch ist dieses Thema dem Gebot der Nächstenliebe inhärent. Die Frage des lukanischen Jesus ist hier bleibend interessant: Wer von diesen, meinst du, ist der Nächste geworden? Nachbarschaft im Sinne, eines anderen Nächster zu sein, ist nicht nur eine Frage der Lokalität. Oder eben gerade. Es ist eine Frage der Beziehung, der Angewiesenheit, der Notwendigkeit. Das halte ich für eine spannende Perspektive auch für unser hier vorliegendes Heft zum Thema Nachbarn. Wir nehmen uns damit eines Themas an, das ein Trendthema insbesondere der kirchlich-diakonischen Arbeit ist: Die Hinwendung zur konkreten Nachbarschaft, zum Sozialraum, zum Quartier ist ein Schlüsselparadigma für zukünftige kirchlich-diakonische Praxis. Was das heißt und wie das gehen kann, zeigen wir exemplarisch auf in diesem Heft für unterschiedliche Situationen gemeindepädagogischer Praxis. Unsere Autorinnen und Autoren fragen nach biblischen Vorstellungen von Nachbarschaft, suchen die aktuelle Auseinandersetzung rund um das Leben in geteilten Sozialräumen, weiten die Perspektive in größere Räume und globale Bezüge. Verschiedene Formen von Nachbarschaft geraten in den Fokus – bis hin zu denen, die oft unsichtbar bleiben. Wem kann ich, wem soll ich Nachbar sein oder werden – diese Frage webt sich ein in dieses Heft und ist in der Konkretion zu beantworten – auch trotz oder gerade wegen der Erkenntnis, dass wir Nachbarn sind. Alle.

Ihnen wünschen wir von der Redaktion wieder einmal eine spannende und hoffentlich bereichernde und inspirierende Lektüre!

Ihr

Lars Charbonnier

E-Mail: redaktion@praxis-gemeindepaedagogik.de

 

 

Die PGP-Ausgabe »GEMEINDEPÄDAGOGIK« können Sie hier beim Verlag bestellen.

Auch im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3-374-06271-3.